Wirtschaftsstudium

von Michael Westphal

 

 

„Guten Herr Westphal! Ich wollte Ihnen mal zeigen was ich gerade in der BWL‑Vorlesung gezeichnet habe.“ „Hallo, Herr Student der Wirtschaft! Sie wollen mir zeigen was Betriebswirtschaftslehre ‚meint’?“ „Ha, so ungefähr. Ich merke Sie sind in guter Stimmung. Ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie mich auf grundlegende Dinge aufmerksam gemacht haben zum Beispiel darauf was den Wert einer Ware bestimmt. Es ist die gesamtgesellschaftlich durchschnittlich notwendige Arbeitszeit.“ „Ja. Sie bekommen von mir eine Eins mit Sternchen.“ „Danke, danke! Bei so einem guten Lehrer war das nicht schwer. In unseren Lehrbüchern oder besser gesagt in den Lehrbüchern, die uns beim Studium zur Verfügung stehen, ist ja nicht einmal der Begriff Ware enthalten. Hier also meine Zeichnung.“ „Aha, … aha, auf der Abszisse ist die Zeit aufgetragen und auf der Ordinate der Wert in abstrakten Einheiten.“ „Dieser Sachverhalt, der also mit dieser Zeichnung veranschaulicht ist, wurde mir klar als der Dozent heute in der Vorlesung von einer Studie sprach. In dieser Studie wurden Hartz‑IV-Geldempfänger gefragt, wie viel sie denn bei einem Job mindestens verdienen müssten. Als Durchschnitt kamen 1088 Euro heraus. Bei einem Job müssen also mindestens 1088 Euro an die Arbeiter gezahlt werden, damit es sich überhaupt ‚lohnt’ arbeiten zu gehen, weil mit dem ‚Arbeiten gehen’ auch viele Unkosten verbunden sind.“ „Ja. Das sind zum Beispiel Beförderungskosten für den Weg zur Arbeit oder Kosten für den Wechsel des Wohnortes. Dann muss auch die Arbeitskleidung öfter ausgetauscht und öfter gereinigt werden. Arbeitskleidung ist ja auch der Anzug mit Krawatte für einen Vertreter, Kleidung für eine Sekretärin oder die neueste Jeans für eine Friseurin. Die Verpflegungskosten werden höher, zum einen, weil der Kalorienbedarf steigt und zum anderen, weil der Zugang zu günstigen Lebensmitteln erschwert ist. Damit meine ich, dass ein Arbeiter mit einer vertraglich festgelegten 40‑Stunden‑Woche kaum eine Möglichkeit hat die Märkte nach Sonderangeboten abzusuchen oder er geht eben eher in die Kantine, zum Imbiss oder Bäcker. GEZ-Gebühren müssen gezahlt werden. Überhaupt ist es unmöglich seine Lebenshaltungskosten nicht zu erhöhen, wenn man arbeiten geht.“ „Die exponentiell ansteigende Linie beschreibt die Kosten der Lebenshaltung im Imperialismus. Es wird, salopp gesagt, immer teurer im Imperialismus, zum Beispiel hier in der BRD, zu leben. Es ist ein immer höheres Quantum an gesamtgesellschaftlicher Arbeitszeit notwendig, um überhaupt die Existenz hier im Imperialismus zu sichern. Zum Beispiel gehen ja in die Wertbildung auch solche Dinge wie Rechtsstreitigkeiten oder das Ausfüllen und Bearbeiten von Anträgen ein. Das Verwalten der Arbeitslosigkeit verschlingt allein in der BRD schon Millionen von Arbeitsstunden. Das sind Jahrtausende von gesellschaftlicher Arbeitszeit. Auch ein Hartz‑IV‑Geldempfänger bezahlt diesen erhöhten Aufwand zum Beispiel über die Mehrwertsteuererhöhung oder die Inflation. Die Mietkosten steigen. Die Kosten für Grundnahrungsmittel steigen. Es steigen die Zuzahlungen für Medikamente oder es steigt der Aufwand, um überhaupt zum Arzt zu gelangen.“ „Wir können sagen: Es wird immer  w e r t voller, hier in der BRD zu leben. Es wird immer arbeitsintensiver, immer mehr gesamtgesellschaftliche Arbeitszeit ist notwendig, um hier überhaupt Existenzbedingungen aufrecht zu erhalten.“ „Auf der anderen Seite nimmt aber der Wert der Ware Arbeitskraft ab. Er wird überall auf ein gleichmäßig niedriges Niveau herabgedrückt. Das ist hier mit der fallenden Linie veranschaulicht.“ „Tatsächlich nimmt ja das Realeinkommen immer weiter ab. Und nicht nur, dass die Löhne meist den erhöhten Aufwand der Lebenshaltung, wie Teuerungsrate, längere Arbeitswege und so weiter,  n i c h t  ausgleichen, die Löhne wurden teilweise sogar noch gekürzt. Wie zum Beispiel bei der Telekom, wo jetzt die Proletarier vier Stunden in der Woche mehr arbeiten für 6,5% weniger Lohn. In Venezuela wird übrigens geplant demnächst die maximale Wochenarbeitszeit auf 36 Stunden zu begrenzen.“ „Und gegen diesen Prozess, das Sinken des Wertes der Ware Arbeitskraft im Gesamtsystem, kann die Bourgeoisie absolut nichts ausrichten. Sie kann nur immer weiter diesen Prozess vorantreiben. Sie erfüllt damit ihr ‚Schicksal’.“ „Es geht im Kapitalismus immer weiter auf den Punkt zu, an dem das Leben unmöglich wird. Wir wissen: Jeden Tag verhungern 100.000 Menschen und auch in Europa und den USA sind Millionen von Menschen unterernährt. In den USA leben jetzt bereits 12% der Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Und diese gesetzmäßige Entwicklung im Kapitalismus kann nur durch die Abschaffung der privatkapitalistischen Eigentumsverhältnisse aufgehoben werden.“ „Und wir werden es sein, die diese Eigentumsverhältnisse abschaffen!"

 

Hinweis: Diese Geschichte wurde der Broschüre "Die letzte Quelle der  Erkenntnis" entnommen.    

 

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