Eine Weihnachtsgeschichte

von Michael Westphal

„Du kannst nie alles wissen. Manche Dinge werden nie beantwortet werden können. Und es gibt ganz grundlegende Fragen, die kaum erschöpfend behandelt werden können. Was ist denn zum Beispiel Zeit?“ „… Zeit ist neben dem Raum eine Existenzform, eine Dimension der Materie. Zeit und Raum sind mit der Materie untrennbar verbunden. Oder warte! Das ist nicht so geschickt formuliert. Die Materie kann nur in Zeit und Raum existieren, vorhanden sein. Es sind also die Existenzformen, die Dimensionen der Materie. Sie haben kein von der Materie losgelöstes Dasein.“ „Ja. Raum und Zeit entstanden ja beim Urknall auch mit der Materie zusammen. Das war der Beginn der Zeit.“ „Kann denn das sein? Entspricht das deiner Lebenserfahrung, dass Materie entsteht oder zerstört werden kann?“ „Das ist der gegenwärtige Stand der Wissenschaft, dass mit der Entstehung des Universums auch die Materie, Energie, Raum und Zeit entstand. Dir ist doch der Urknall ein Begriff?“ „Die  faszinierende Welt der Wissenschaft’. Urknall, das ist nur ein Synonym für ‚Im Anfang war das Wort’. Heute bekommt die Ausbeuterklasse eben keinen Zuspruch mehr, wenn sie allen Ernstes behauptet ‚Die Erde war wüst und lehr und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser’, oder dass Menschen ‚aus Lehm gemacht sind’. Die ‘Existenzberechtigung’ der Obrigkeit und des ‘Schicksals’ muss anders den Ausgebeuteten beigebracht werden. Es muss irgendwie, pseudowissenschaftlich erklärt werden, wie ‘eine höhere Macht’, ‘ein Allerhalter’ oder ‘Allumfasser’ alles in Bewegung gesetzt hat, damit eben wir die bestehenden Verhältnisse der Klassengesellschaft nicht antasten. Außerdem ist es irreführend Materie und Energie zu trennen.“ „Materie, das sind doch die Atome, Elementarteilchen und so weiter.“ „Du meinst die Daseinsweise der Materie als Stoff? Das ist zu begrenzt. Materie ist kein auf irgendeine Grundsubstanz zurückzuführender Stoff. Materie ist eben die von unserem Bewusstsein außerhalb und unabhängig existierende objektive Realität. Da gehören doch elektromagnetische Wellen auch dazu und die Gesetzmäßigkeiten, nach denen sich die Materie bewegt. Sie ist weiter, wie Lenin schon richtig erkannte, eine philosophische Kategorie. Die höchste Abstraktionsebene ist ja eben gerade Materie und Bewusstsein.“ „Aber wie kann ich denn nun beschreiben, wo alles herkommt und wo alles es hingeht? Irgendwie muss ja das Uni­versum entstanden sein.“ „Wenn wir zurückblicken und uns überlegen, wie die einzelnen, in Raum und Zeit endlichen Daseinsformen der Materie entstanden und vergangen sind, ist wissenschaftlich betrachtet klar, dass der Beginn der Ausbreitung des Weltalls ein qualitativer Sprung im ewigen Entwicklungsprozess der Materie gewesen sein muss. Wie dies konkret, im Detail abgelaufen ist, das muss noch erforscht werden. Die Welt wurde eben nicht von Göttern oder höheren Wesen erschaffen. Sie ist eben nichts weiter als die sich ewig entwickelnde Materie.“ „Die Bourgeoisie versucht nur Zweifel an der Erkennbarkeit der Welt zu säen, letztendlich an der Erkennbarkeit von Produktionsverhältnissen. Da habe ich mich doch von der Bourgeoisie tatsächlich einwickeln lassen.“ „Dennoch konnte nicht verhindert werden, dass wir beide es jetzt richtig verstehen.“

 

Diese Geschichte ist enthalten in: "Die letzte Quelle der Erkenntnis"

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