Ware

von Hans-Jürgen Westphal

(hier als Hörspiel)

 „Ja, Sie hatten es richtig gesagt, der Begriff Ware kommt in den für uns geschriebenen Lehrbüchern tatsächlich nicht vor.“ „Haben Sie, der Student der BWL, bei der Gelegenheit die zentrale Rolle, die dieser Begriff spielt, erkannt?“ „Ich muss vorsichtig sein, ‘erkannt’, will ich deshalb lieber nicht sagen. Aber seit dem ich weiß, dass der Wert der Waren und der Wert des Geldes bestimmt ist durch die Arbeitszeit, verstehe ich das System, den Kapitalismus besser.“1 „Sie sind auf dem richtigen Wege. Es geht im Klassenkampf immer um Arbeitszeit. Die Bourgeoisie disponiert mit der Arbeitszeit so, wie sie denkt und sie denkt so, wie sie denken muss. Die Bourgeoisie ist nichts weiter als der willenlose Vollstrecker der ökonomischen Gesetze.“ „Ja, da arbeitet die arbeitende Klasse, das Proletariat und gibt der Bourgeoisie die Arbeitszeit   v o l l s t ä n d i g ! Ihre Anregung, auch die Gesellschaft zu sehen, nicht nur den einzelnen Betrieb, hat mich darauf gebracht, auch über die Steuern nachzudenken. Rund 50 % der Arbeitszeit, also Geld = Arbeitszeit, kassiert die  K l a s s e  der Bourgeoisie ein. Diese gewaltige Masse an Arbeitszeit setzt sie ein, um ihr System dem Proletariat aufzuzwingen. Es ist nicht nur die Staatsmaschinerie (Armee, Polizei, örtliche bis zur EU gehende Verwaltung, Krankenkassen, Schulen, Unis, Rechtssystem, Kirchen, usw.), es ist  a l l e s ! Ich verstehe: die  v o l l s t ä n d i g e  Arbeitszeit des Proletariats wird zur Wiederherstellung des Verbrechersystems aufgewendet. “ „Und dieser absolute Zugriff auf die Lebenszeit des Proletariats stößt an Grenzen.“ „Ja, trotz der Macht der Bourgeoisie konnte sie in der BRD, das ist nicht im Urwald, im Jahre 2006 offiziell 4 Millionen Lohnarbeiter  n i c h t  ausbeuten, rund 10 % der offiziellen Arbeitermasse. Und Sie können jetzt bei mir auch davon ausgehen, dass ich hinter den offiziellen Zahlen die tatsächlichen erahne. Zum Beispiel zählen die 1-Euro-Jobs, wie ich weiß, nicht in der Arbeitslosenstatistik mit und allein bei der Mitbetrachtung dieser Scheinarbeitsverhältnisse sähe die Arbeitslosenstatistik schon anders aus.“ „Jedoch beschuldigt die Bourgeoisie das Proletariat permanent daran Schuld zu sein, dass die ‘Freiheit’, der ‘Markt’ usw. nicht funktioniert.“ „Ja, die permanente Unterdrückung, die Reglementierungen, Gesetze, Verordnungen, Vorschriften, die kleinen und großen Schikanen, alles ist Freiheit, ist Selbstheilung des Marktes, ist Demokratie.“ „Ha, ja das ist Demokratie.“ „Ich will wirklich vorsichtig sein mit der Einschätzung meines Erkenntnisstandes. Ich erahne das System mehr, das gewaltige Verbrechen. Aber ich bin mir sicher, schon jetzt weiß ich mich als Todfeind des Systems.“ „Das Studium?“ „Ich führe es zu Ende. Dabei habe ich aber angefangen mit dem Parallelstudium, so will ich es nennen. Können Sie sich was darunter vorstellen?“ „Schon klar. Studium der Wirklichkeit, aber auch Bedienung der Bourgeoisprofessoren.“ „Ja. Ich habe dabei übrigens gemerkt, die sind sehr leicht mit von mir als Dummheiten erkannten ‘ökonomischen Gesetzen’ ruhigzustellen.“ „Es kommt ja auch darauf an, die Verhältnisse zu erkennen, um sie zu verändern.“ „Ich will lieber sagen:   a b s c h a f f e n ! Diese Verhältnisse müssen  a b g e s c h a f f t  werden! Da ist nichts zu verändern.“ „Oh, ja ! Einverstanden! Ja, Sie haben mich sehr gut belehrt! Seien Sie nur nicht zu bescheiden bei der Einschätzung ihres Entwicklungsstandes, das Wesentliche haben Sie schon erkannt.“   


1 MEW, Band 23, „Das Kapital“ S. 54: „Es ist nur das Quantum gesellschaftlich notwendiger Arbeit oder die zur Herstellung eines Gebrauchswerts gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit, welche seine Wertgröße bestimmt. Die einzelne Ware gilt hier überhaupt als Durchschnittsexemplar ihrer Art. Waren, worin gleich große Arbeitsquanta enthalten sind oder die in derselben Arbeitszeit hergestellt werden können, haben daher dieselbe Wertgröße. Der Wert einer Ware verhält sich zum Wert jeder andren Ware wie die zur Produktion der einen notwendigen Arbeitszeit zu der für die Produktion der andren notwendigen Arbeitszeit. ‘Als Werte sind alle Waren nur bestimmte Maße festgeronnener Arbeitszeit.’“

Diese Geschichte ist in der Broschüre "Cui bono" von Hans-Jürgen Westphal enthalten.

 

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