Prestige

von Michael Westphal

(hier als Hörspiel)

„Ach hallo! Ich hatte gehofft, daß wir uns hier treffen. Ein wichtiger Grund für mich heute hier zum Klassentreffen zu gehen war, mit dir zu sprechen. 1996 haben wir das Abitur abgelegt und dann begannen wir beide das Maschinenbaustudium an der TU Dresden. Wir hatten damals beide mit sehr guten Leistungen abgeschlossen. Dann ging’s mit dem Bewerben los.“ „Ja! Du hattest dich damals unter anderem bei EADS in Hamburg beworben und ja dann auch eine Stelle dort bekommen. Danach haben wir uns leider aus den Augen verloren.“ „Ich bin ja wegen dieser Stelle im Airbuswerk nach Hamburg umgezogen. Somit war es schwierig geworden, daß wir uns sehen konnten. Alle in meiner Familie waren damals sehr stolz auf mich und ich selbst war auch sehr stolz auf mich, daß gerade   i c h  so eine einmalige Chance bekommen hatte.“ „Arbeitest du denn jetzt noch bei EADS, bei Airbus?“ „Ja ich arbeite noch bei Airbus.“ „Allmählich dämmert es mir, warum du gerade mit mir sprechen wolltest. Aber ich werde dich nicht trösten!“ „Nein, nein. Es ist nicht so wie du vielleicht jetzt denkst.  In den letzten Monaten fielen mir wieder unsere Gespräche ein, die wir damals während des Studiums oft geführt hatten. Insofern stimmt das schon, daß ich wegen der wirtschaftlichen Situation bei Airbus an dich gedacht habe, die Erinnerungen an dich wieder kamen. Nur sollst du mir keinen Trost spenden. Ich will dir sagen: Du hattest immer recht!“ „Vielen Dank! Womit hatte ich denn genau recht?“ „Einfach mit allem.“ „Ich erinnere mich noch, daß es zu Zeiten unseres Studiums darum ging, das Airbus-Werksgelände in Hamburg-Finkenwerder zu vergrößern. Und zwar sollten dafür Teile des größten Süßwasserwatts von Europa, dem Mühlenberger Loch, zugeschüttet werden, was ja dann später auch geschah.“ „170 Hektar des Mühlenberger Lochs wurden für die Werkserweiterung zugeschüttet. Umweltschützer demonstrierten gegen die Zuschüttung. Landwirte demonstrierten gegen ihre Enteignung. Wohnhäuser wurden abgerissen. Ich habe mich damals gefragt: ‘Warum sind die denn alle dagegen? Hier werden doch 4 000 Arbeitsplätze geschaffen!’ Erst jetzt habe ich das Ausmaß der Zerstörung erkannt.“ „Die Stadt Hamburg hat doch dafür mehrere hundert Millionen Euro bereitgestellt.“ „Ja. Die Stadt Hamburg hat dort nach eigenen Angaben 650 Millionen Euro investiert.“ „Sicher gibt es auch eine Menge Rechtsstreitigkeiten wegen den Enteignungen.“ „Über 280 Einsprüche liegen gegenwärtig gegen die Enteignungen vor. Es existieren drei Baustopps und viele Eilanträge gegen den Ausbau der Landebahn. Hinzu kommt, daß 2002 die so genannte Lex-Airbus durch das Hamburger Parlament verabschiedet wurde. Die Zustimmung zu diesem Gesetz erfolgte mit den Stimmen der CDU, der SPD, der FDP und der Schillpartei. …“ „Partei Rechtsstaatliche Offensive!“ „Genau! Seit dem gilt das Projekt, gesetzlich festgeschrieben, als gemeinnützig. Jetzt konnten die Rechtsansprüche gemindert und die Enteignungen von verkaufsunwilligen Landbesitzern angeordnet werden.“ „Das Gesetz ist eben nichts weiter als der aufs Papier geschriebene Wille der herrschenden Klasse!“ „Daran mußte ich auch denken. Ich erinnerte mich daran, daß du das schon immer gesagt hast. Damals habe ich mit den anderen willfährigen Knechten mitgeblökt: ‘Hier entstehen 4 000 Arbeitsplätze!’ Doch als ich ‘meinen schönen’ Arbeitsplatz gefährdet sah, auf den ich und andere ja immer so stolz waren, begann ich doch über diese Verhältnisse, über das System des Kapitalismus, nachzudenken. Es mußte unbedingt Hamburg sein. Jeder wollte unbedingt der sein, der den Airbus 380 nach Hamburg holt. Das ist eben ein Prestige-Projekt. Und jetzt wo also dieses Prestige-Projekt auf Teufel komm raus durchgepeitscht wurde, wo der Widerstand der ‘Unvernünftigen’, der Landwirte, der Umwelt- und Naturschützer, fast gebrochen ist, wo die Zerstörung des Ökosystems Mühlenberger Loch herbeigeführt wurde, soll dieses Projekt scheitern.“ „Wenn ich an Airbus in Hamburg denke, fällt mir immer CargoLifter in Brandenburg ein. Das war auch so ein Projekt. Die Werkshalle, die bei einer Fahrt auf der Autobahn von Dresden nach Berlin immer zu sehen ist, erinnert daran. Jetzt entsteht ja dort ‘Tropical Ilands’. Ja der ‘Pro-duktionsstandort Deutschland’ wird ‘gesichert’!“ „Endlich fing ich an, mich damit auseinander zu setzen, was ich dort eigentlich tue. Viele Informationen fand ich dazu im Internet.“ „Hast du im Internet auch etwas über die ökologischen Folgen der Airbus-Werkser-weiterung erfahren?“ Ja. Ich will es kurz erwähnen. 170 von 675 Hektar wurden zugeschüttet.“ „Das ist etwa ein Viertel?“ „Ja! Das Mühlenberger Loch war das Letzte noch vollständig intakte Ökosystem im Süßwasserwatt der Elbe. Die Teilzuschüttung des Mühlenberger Lochs hatte die Verlandung eines weiteren südlich davon gelegenen Wattfeldes zur Folge. Das Mühlenberger Loch zeichnete sich durch große biologische Produktionsraten aus. Der produktivste Teil davon wurde unter dem neuen Airbus-Werksgelände begraben. Die Kinderstuben vieler Fischarten, wie z. B. der Finte, sind jetzt vernichtet. Überhaupt wird der gefährdete Fischbestand der Tideelbe so noch mehr belastet. Das Mühlenberger Loch war auch ein bedeutendes Rastgebiet für viele Zugvögel. Die Fluchtdistanz für die Tiere wurde zu gering und damit halten sich jetzt nur noch wenige Vögel dort auf. Der Bestand der scheuen Löffelente z. B. hat sich extrem verringert. Die drei so genannten Ausgleichsflächen erwiesen sich als ungeeignet. Sie sind entweder viel zu weit entfernt oder es liegen dort ungünstige Strömungsverhältnisse vor, die zur Ansiedlung anderer Tier- und Pflanzenarten geführt haben. Weiterhin war der nun zugeschüttete Bereich des Mühlenberger Lochs von herausragender Bedeutung für die Sauerstoffproduktion während der warmen Sommermonate. Da jetzt dieser Flachwasserbereich für die Photosynthese fehlt, verschlechtert sich auch die Wasserqualität mit den entsprechenden Folgen für die Tiere und Pflanzen in der Tideelbe. 1982 wurde das Mühlenberger Loch übrigens zum Landschaftsschutzgebiet erklärt. 1998 hat der Hamburger Senat die Elbbucht als europäisches Schutzgebiet sowohl nach der Vogelschutzrichtlinie als auch nach der Habitatrichtlinie[5] angemeldet.“ „Wir sehen, wieviel das Wert ist. Da fällt mir ein. Du hast doch sicher auch gehört, daß die Bundesregierung einen Einstieg bei Airbus erwog.“ „Damit wird das Unvermeidliche ja auch nur noch hinausgezögert. „Was ich in diesem Zusammenhang so treffend fand, war, als sich ein Börsenspezialist, der zu dem Einstieg der Bundesregierung befragt wurde, folgendermaßen äußerte: ‘Der Ausstieg wäre hier richtig!’ Das sagt ja alles.“ „Er hat eben die wirtschaftliche Situation objektiv analysiert. Das Airbus-Werk ist nur ein Prestige-Projekt.“ „Mmh! Ich freue mich, daß wir uns jetzt so gut verstehen. Und ich freue mich, daß du jetzt das imperialistische System nicht mehr verteidigst.“ „Ich würde es sehr bedauern, wenn wir uns nach diesem Klassentreffen wieder für lange Zeit aus den Augen verlieren würden.“ „Ja, das fände ich auch sehr schade, gerade weil es sehr schwierig ist, kluge Menschen zu finden.“ „Was hältst du davon, wenn wir uns morgen wieder treffen und du mir mehr über eure Aktivitäten hier in Dresden erzählst?“ „Na klar! Das machen wir. Es hat sich ja einiges in Dresden entwickelt. Zum Beispiel findet nächste Woche wieder eine Veranstaltung statt.“

Quellen: „Mühlenberger Loch in Not“, Naturschutz heute Ausgabe 1/01 vom 26.01.01

               „Hamburg bangt um Airbus“, Susanne Amann in der „Financial Times Deutschland“

               „Streitfall Mühlenberger Loch“, BUND Hamburg, 2004

 Aktienkurs EADS: April 2006 Höchststand mit 35,13 Euro. November 2006 22,50 Euro.  Quelle: www.finanztreff.de

 Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie, Ziel ist die Erhaltung und Wiederherstellung der biologischen Vielfalt.

„Prestige“, das war der Name eines Öltankers der am 13. November 2002 vor der spanischen Küste havarierte. 64.000 Tonnen Schweröl liefen ins Meer. Es war die größte Umweltkatastrophe in der Geschichte des Königreichs.

Diese Geschichte ist in der Broschüre "Essentialia" enthalten.

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