Im Herzen des Feindes

von Michael Westphal

(hier als Hörspiel)

 (("Schön daß du heute Zeit hattest und zum Kaffee bei mir vorbei gekommen bist.“ „Ja gerne habe ich deine Einladung angenommen. Wir haben uns ja auch wirklich schon lange nicht mehr gesehen.“ „Du warst in New York, oder? Ich habe deine Postkarte bekommen. Ich mußte doch schmunzeln als ich sie las: auf der Vorderseite die Freiheitsstaue, die Statue of Liberty, vor der USA-Fahne, und auf der Rückseite hast du ein paar schöne propagandistische Zeilen geschrieben, die selbst aus der Feder von George W. Bush hätten nicht besser sein können, wie z. B. ‘I’m grateful to be here, to walk on this holy ground! Best regards from the rock of liberty! It’s wonderful to feel the enduring spirit of freedom!’[1] oder: ‘Thank god for this land!’[2]. Die Ironie, die daraus spricht, verstehe ich natürlich. Aber was ich nicht verstehe, ist, warum  d u  gerade in die USA gefahren bist? Was wolltest denn  d u  im Feindesland?“ „Warum sollte ich nicht in die USA fahren, nach New York? Welchen Grund gibt es denn, dort nicht hin zu fahren?“ „Na, ich hätte gedacht, das macht man einfach nicht! Das lehnt man ab! Daß du, wo du doch gegen den Kapitalismus bist, nach New York fährst, verstehe ich nicht, ins Feindesland. Dem verweigert man sich! Was hat denn gerade  d i c h  dort interessiert?“ „New York ist die bedeutendste Stadt der USA. Sie ist schon relativ alt, älter als die USA selbst. Es ist die Stadt in den USA, wo die meisten Einwanderer ankamen und viele von ihnen dann dort auch seßhaft wurden. Sie haben ja auch die Kultur geprägt.“ „Du meinst jetzt z. B. Chinatown oder Little Italy?“ „Ja! Beispielsweise ist Chinatown New York mit 150 000 Einwohnern die größte chinesische Stadt außerhalb Chinas. Außerdem gibt es viele Museen in New York. Es ist das Kunst- und Kulturzentrum der USA.“ „Was ist denn so ein bedeutendes Museum in New York?“ „Das Metropolitan Museum of Art beispielsweise. Es gehört neben dem Louvre in Paris, der Eremitage in St. Petersburg und dem British Museum in London zu den vier bedeutendsten Museen der Welt.“ „Und was gibt’s da zu sehen?“ „Im Metropolitan Museum of Art sah ich unter anderem Gemälde von Albrecht Dürer, Rembrandt oder Rubens, von Lucas Cranach dem Älteren sowie von Paolo Veronese oder Tizian. Ja, ich sah sogar einige Gemälde von Pieter Bruegel dem Älteren.“ „Oh! Das hätte ich nicht gedacht, Bauernbruegel oder Veronese und Tizian in New York zu finden, oder Albrecht Dürer. Gab es noch weitere Gründe für dich, nach New York zu fahren?“ „Sicher! New York ist auch das Wirtschaftszentrum der USA. Die Wallstreet mit der Börse  befindet sich  in New York. Das ist die wichtigste Börse der Welt.“ „Ach so! Stimmt.“ „Die Bourgeoisie nennt New York auch Welthauptstadt. Es ist in ihren Augen der Mittelpunkt, das Zentrum, der Zivilisation. In ihren Augen ist diese Stadt der Höhepunkt der Zivilisation. Freunde aus den USA nennen New York auch das Herz des Imperialismus. Ein US-Amerikaner aus Manhattan sagte einmal zu mir: ‘I was born in New York City, deep in the heart of imperialism’[3]. Denken wir nur an den 11. September 2001 als eine kleine Nadel dieses Herz stach, erinnern wir uns wie der Dow Jones deshalb einbrach.“ „Mmh! Ja. Daran kann ich mich gut erinnern. Die Börse mußte sogar für mehrere Tage geschlossen werden um einen weiteren Kursverfall zu verhindern.“ „Ein wesentlicher Grund nach New York zu fahren war für mich auch, wie der flämische Barockmaler Jacob Jordaens[4] es vielleicht ausdrücken würde, um ‘Men-schen’ zu suchen. Wo ist der Widerstand? Er muß auch in New York vorhanden sein.“ „Und? Hast du Zeichen des Widerstandes gesehen? Hast du den Widerstand gefunden?“ „An welcher Stelle vermutest du könnte ich ‘Menschen’ getroffen haben? Wo würden wir stehen und mit Leuten reden?“ „Mmh. Naja. Das ist natürlich jetzt schwer zu sagen. Wahrscheinlich würde ich mich auf den Times Square stellen.“ „Ja! Der Gedanke ist gut. Tatsächlich waren dort Menschen, die etwas mitteilen wollten. Neben den religiösen Fanatikern, die z. B. aus der Offenbarung des Johannes rezitierten, stand dort auch ein Afroamerikaner der für ein politisches Kabarett warb. Er sagte, daß er gegen den Kapitalismus ist und für den Kommunismus. Doch leider sagte er dies mehr mit dem Gedanken, daß ich zu einer seiner Veranstaltungen kommen sollte. Ich merkte, daß ihm der Kommunismus nicht ganz so wichtig  war wie mir, daß er also die ökonomischen Gesetze des Kapitalismus nicht verstanden hatte. Überhaupt wurde mir beim Aufenthalt in New York noch deutlicher, anschaulicher, daß für die Aufrechterhaltung des Imperialismus Dummheit, Desinformation und Lüge notwendig sind.“ „Das gilt sicher auch für die Museen, oder?“ „Insbesondere gilt das für die Museen. Beispielsweise ist das Metropolitan Museum of Art eigentlich nur eine riesige Ansammlung von allen möglichen Kunstwerken im weiteren Sinne, wie z. B. mittelalterlichen Rüstungen, chinesischen Porzellantellern oder Buddhafiguren und Möbeln oder griechischen Vasen, ägyptischen Grabanlagen oder Figuren aus gotischen Kirchen. Der Besucher des Museums soll nichts lernen, nichts verstehen. Er soll nicht zu einer Erkenntnis geführt werden. Er soll nichts erkennen, erst recht nicht gesellschaftliche Zusammenhänge. Im besten Fall soll dieses Museum unterhalten.“ „Vorhin sprachst du von Gemälden. Wie werden denn diese in dem Museum ausgestellt?“ „In der Gemäldeabteilung sind die Bilder nicht etwa nach Epochen oder Malern sortiert sondern nach dem Stifter der Gemälde. So sind z. B. Nachbildungen griechischer Plastiken in einem Raum mit Landschaftsmalerei zusammengestellt nur weil all diese Exponate aus dem Besitz eines bestimmten hochbegüterten Kunstliebhabers stammen. Oder manche Bilder sind an der Wand so weit oben angebracht, daß sie nicht mehr betrachtet werden können. Das Unverständnis der Bourgeoisie für diese Kunstwerke, das Unverständnis der Bourgeoisie überhaupt für die Kunst wird hier deutlich. Dieses Unverständnis wird zum Inhalt des Museums.“ „Ja. Diese Kulturlosigkeit war zu erwarten. Oder besser gesagt diese Kultur, die Kultur der Bourgeoisie, war zu erwarten. Es ist dir nur eben deutlicher geworden. Dieser Mechanismus ist besser erkennbar gewesen.“ „Ich war auch im Guggenheimmuseum. Dort befindet sich eine große Ausstellung des Künstlers, den die Bourgeoisie als ihren bedeutendsten erkannt hat. Na? … „Jackson Pollock!“ „Ja genau! Dort im Guggenheimmuseum ist mir klar geworden, warum gerade dieser Maler für die Bourgeoisie der geeignetste Maler ist. Fast alle Bilder waren ohne Titel und es waren inhaltslose Formen dargestellt. Selbst wenn aus der Entfernung etwas wie irgend etwas aussah, war es bei näherer Betrachtung dann doch Nichts. Kurz: Die Kunstwerke von Jackson Pollock stellen das Maximum der Inhaltslosigkeit dar. Sinnlos sind diese Kunstwerke für die Bourgeoisie aber nicht. Eben weil sie das Maximum eines diffusen Abbildes der Wirklichkeit darstellen, sind sie für die Bourgeoisie so geeignet.“ „Und wie hast du die USA an sich erlebt? Ist es so, wie wir uns die USA vorstellen, dicke dumme Leute, überall Müll und umherfliegendes Papier, überall Graffiti, Bettler die sich an den Lüftungsschächten der U-Bahn aufwärmen, zerfallene Fabrikgebäude usw.?“ „Ja. Genau so, wie wir uns die USA vorstellen. Die Viertel der Reichen sind geputzt und der Rest liegt im Dreck.“ „Damit wird sicher auch deutlich, was dort fehlt im ‘Land der unbegrenzten Möglichkeiten’.“ „Sozialismus! Ganz klar! Sozialismus, gesellschaftliches Eigentum an den Produktionsmitteln.“ „Aber sagtest du nicht, daß dir deutlich geworden ist, wie der Imperialismus erhalten bleibt, daß es für dich sehr anschaulich war, warum der Imperialismus immer noch besteht.“ „Der Erkenntnisprozeß läuft auch in den USA ab. Zum Beispiel finden Demonstrationen gegen die Kriege der USA statt. An diesen Demonstrationen nehmen mehrere 100 000 Menschen teil. Nur werden wir hier in Europa nicht darüber informiert. Die ökonomischen Gesetze des Kapitalismus wirken auch in den USA. Die Verelendung geht auch dort weiter, wie hier bei uns. Vergessen wir nicht die ‘Menschen’ die von New York als dem Herz des Imperialismus sprechen. Die Erkenntnis bestimmter gesellschaftlicher Prozesse und Zusammenhänge muß dem ja schon vorausgegangen sein. Der Erkenntnisprozeß findet statt! Auch die USA hat ihre revolutionäre Tradition. Es gab eine Zeit, in der die USA das revolutionäre Element der Menschheit waren, nämlich zur Zeit ihrer Gründung. Damals wurden die Produktivkräfte dort noch entwickelt. Davon zeugen z. B. die Gebäudeanlagen von Washington mit dem Capitol oder die Federal Hall in New York. Die Gründung der New Yorker Börse fällt auch in diese Zeit. Das war auch ein Grund für mich, New York zu besuchen, um nach Zeugen dieser fortschrittlichen Etappe zu suchen, damit eben das Verständnis für die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft vervollständigt wird. So wie ein Besuch in Venedig, mit dem Hintergrund die Anfänge des Kapitalismus besser zu verstehen, auch sinnvoll sein kann.“ „Ja. Das Ende der imperialistischen Produktionsverhältnisse, die Gegenwart, sehen wir auch in den Kunstwerken von Jackson Pollock. Die Destruktivität der Produktivkräfte im Imperialismus sehen wir in ihnen. Es ist klar! Der imperialistische Staat USA, der größte Verbrecherstaat der Menschheitsgeschichte, muß vernichtet werden, so wie das imperialistische System überhaupt vernichtet werden muß!“ „Die Bourgeoisie konnte nicht verhindern, daß wir verstehen, warum immer noch imperialistische Produktionsverhältnisse bestehen. Und sie konnte auch nicht verhindern daß wir erkannt haben was wir tun müssen, um diese Verhältnisse zu vernichten.“ „Es lebe die kommunistische Revolution!“


[1] Ich bin dankbar hier zu sein, zu gehen auf heiligem Grund! Beste Grüße vom Fels der Freiheit! Es ist wundervoll, den immerwährenden Geist der Freiheit zu fühlen!

[2] Dank Gott für dieses Land!

[3] „Ich wurde geboren in New York City, tief im Herzen des Imperialismus.“

[4]  Jacob Jordaens (1593–1678) „Diogenes mit der Laterne, auf dem Markte Menschen suchend“, Gemäldegalerie „Alte Meister“, Dresden.

Diese Geschichte ist in der Broschüre "Essentialia" enthalten.

 

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