Geduld

von Hans-Jürgen Westphal

 

„Geduld, ist das noch Geduld? Ich habe ja nun das Gespräch, was du hier auf der Straße - dazu noch bei der Kälte heute - mit dem Musikstudenten, was du hier geduldig geführt hast, auch geduldig angehört. Ich hätte es sicherlich nach, na, ich sage mal nach maximal 5 Minuten abgebrochen. Warum hast du das Gespräch dennoch mit ihm geführt.“ „Weil es dennoch, zugegebenermaßen war es sehr schleppend und für uns nervenaufreibend, weil des dennoch immer wieder eine Entwicklung gab, eine positive Entwicklung.“ „Du hast Nerven. Aber, ja, es gab eine positive Entwicklung. Das Gespräch hatte folgenden Verlauf, es geht mir jetzt nur um die Darstellung des ‘logischen’ Verlaufs: 1. Es ging ihm, dem Pianisten, mit seiner Musik um ‘reine Gefühle’, um die musikalische Produktion von ‘Gefühlen an sich’.“ „Was wir ihm …“ „Was du ihm als Dummheit nachweisen konntest.“ „Ja, er hat eingestanden, daß Gefühle einen objektiven Ausgangspunkt haben.“ „2. Er hat behauptet, daß es keine objektive Realität gibt.“ „Doch dann hat er unserer Materiedefinition zugestimmt. Materie, das ist die objektive Realität, die außerhalb und unabhängig von unserem Bewußtsein existiert, die jedoch im Bewußtsein widergespiegelt wird. Die Materie hat gegenüber dem Bewußtsein das Primat.“ „Und sogar die Wechselwirkung von Materie und Bewußtsein hat er verstanden, aber erst nach einem Gesprächsteil, der einen Menschen zum Wahnsinn treiben kann, denn so irrsinnig ging es hin und her, auf und nieder, vor und zurück. Das gerade Gewonnene, mühsam Gewonnene wurde von ihm wieder und wieder total umgeworfen.“ „Doch dann hatte er’s endlich.“ „Nachdem geklärt worden war, daß die vom Musiker, vom Pianisten, produzierten Gefühle auch eine Wirkung haben, daß diese in einer gewissen Bandbreite objektive Wirkung haben auf das Subjekt, kam das Gespräch zum Punkt 3. Er behauptete, daß es keinen Klassenkampf gibt.“ „Das Nachfragen hat sein Denken positiv angeregt, ‘Wem nützt diese Behauptung?’, ‘Wie kommt man zu dieser Behauptung?, usw..“ „Nach einem Irrsinn von Beschimpfungen, ja, ich nenne das klassische antikommunistische Hetze, hat er zugestanden, daß auch seine Musik Teil des Klassenkampfes ist, und zwar objektiv, ganz egal, ob er beim Spielen daran denkt oder nicht.“ „Und damit hat er viel gelernt.“ „Dann kam 4.. Er behauptete, daß es keine Verantwortung für Musiker im Klassenkampf gäbe.“ „Was wir ihm widerlegen konnten.“ „Was du ihm widerlegen konntest. Dieser Teil des Gesprächs war der Tiefpunkt. Es war eigentlich nur eine rohe, böswillige, auch sehr schmutzige Hetze des ‘gebildeten’ Musikstudenten gegen Stalin.“ „Weißt du, dieser Schlußteil des Gesprächs war etwas Typisches. Ja, so läuft das ab. Wir haben diesen ‘Gebildeten’ mühsam beigebracht, daß sie vorhanden sind in konkreten Produktionsverhältnissen, als Teil des Proletariats und nach dem die Notwendigkeit des verantwortungsbewußten Handels im Sinne unserer Klasse, eben des Proletariats, nachdem die Notwendigkeit des Klassenkampfes geklärt ist, nachdem wir diesen ‘Gebildeten’ soviel von ihrem eigenen Leben vermittelt haben, kommt dann, ja, und das ist eben typisch, dann stehen wir vor der ‘letzten Festung der Bourgeoisie’ im Bewußtsein der ‘Gebildeten’ Proletarier, und die müssen wir im Kampf nehmen, Name der Festung: ‘Stalins Verbrechen’.“ „Ja, so geht es uns immer wieder. Die ‘Logik’ des Gesprächs mit dem Studenten in Kurzform: Die Behauptung, es gibt nichts, man kann nichts erkennen, man kann nichts tun. Dann wird von dem, der immer wieder ‘weise’ verkündet: ‘Ich weiß, daß ich nichts weiß’, nach den von der Bourgeoisie vorgegebenen Verhaltensweisen ‘alles’ gewußt, ‘man weiß es ganz genau’, ‘jeder weiß es’ und natürlich weiß es jeder ‘ganz genau’.“ „Das ist typisches Verhalten, wer dir eben noch sagt, daß er weiß, daß er nichts weiß, daß niemand etwas wissen kann usw., der sagt dir schon im nächsten Satz, daß er alles weiß von ‘Stalins Verbrechen’, daß man es weiß, daß jeder es weiß. Diese ‘Logik’ gehört zusammen.“ „Ich konnte sie auch hier wieder studieren.“ „Wir haben unseren Musikstudenten sicherlich nicht umgepolt, so schnell geht das nicht. Aber ganz sicher haben wir ihn stark angeregt, nachzudenken. Weißt du, wer in so einem Gespräch umgepolt wird, der läßt sich von dem nächsten Gesprächspartner, oder eben von der Bourgeoisie genau so schnell wieder umpolen. Nach meiner Erfahrung sind diejenigen, die schwer zu überzeugen sind am Ende diejenigen, die tatsächlich überzeugt wurden, die dann mal bei mir erscheinen und sich für die Denkanstöße bedanken.“ „Aber darauf wette ich nicht, daß das bei diesem Musikstudenten so sein wird.“ „Ich würde auch nicht darauf wetten aber dennoch gab es ja den letztendlich positiven Ausgang.“ „Ich muß noch etwas zu seiner Person einschränkend sagen, er war von dir überrascht. Du hast ihn sehr beeindruckt.“ „Weil er sich schon darüber gewundert hat, daß ich überhaupt wußte, wer Rachmaninow ist. Als ich ihm das vom Klavierkonzert Nr. 4 sagte, da stürzten die vielen Vorurteile, die er ja ganz offensichtlich hatte, Vorurteile von Kommunisten, die stürzten ein wie Kartenhäuser.“ „Eigentlich hast du ihm einen Vortrag gehalten, den er an seiner Schule hätte hören sollen, aber an der imperialistischen Schule eben nicht gehört hat.“ „Ich habe ein wenig den Lehrer ‘gespielt’.“ „Ich fand das gerechtfertigt. Hast du gut gemacht. Wir können den ‘Gebildeten’, die, je nach dem, mal  n i c h t s  und dann wieder  a l l e s  wissen, auch mal zeigen  w i e  ‘gebildet’ sie tatsächlich sind, wie sie auf ihrem Fachgebiet ‘gebildet’ sind. Du sagtest, ich will dir das mal kurz nachstellen, wie du es sagtest: ‘Das Klavierkonzert Nr. 4 war das erste Werk, mit dessen Ausarbeitung und Vollendung Rachmaninow nach zehnjähriger Schaffenspause seine kompositorische Tätigkeit wieder aufnahm. Er hatte bis 1918, dem Jahr seiner Übersiedlung in die USA, nach dem Ausspruch eines Kritikers >sein Licht an drei Enden angezündet< und sich nicht entscheiden können, welcher Tätigkeit - der eines Pianisten, eines Dirigenten oder eines Komponisten - er den Vorrang geben sollte. Deshalb komponierte er wenig. Doch es war nicht nur Mangel an Zeit, was den international berühmten und von allen Musikzentren der Welt begehrten Virtuosen vom Komponieren abhielt, sondern vor allem die übereilte Trennung von seinem Land und Volk. >Als ich aus Rußland fortging<, bekannte er, >verlor ich den Wunsch, zu schaffen. Als ich die Heimat verließ, verlor ich mich selbst.< Rachmaninow hatte 1917 die Februarrevolution freudig begrüßt; aber nach der Oktoberrevolution überkam ihn Zweifel, ob in nächster Zeit überhaupt noch Möglichkeiten für eine künstlerische Betätigung gegeben seien. Sein Fehlschluß, der am ehesten als tragisches Mißverständnis bezeichnet werden kann, führte im Dezember 1917 zur freiwilligen Emigration, zunächst nach Stockholm, im nächsten Jahr in die USA, wo er bereits Jahre zuvor auf einer Konzerttournee stürmisch gefeiert worden war.’ So wie ich jetzt, hast du gestikuliert und damit stark auf den Studenten gewirkt. Du hattest es drauf, in jeder Beziehung. Und du konntest ja nun wirklich nicht vorher wissen, daß dieser Student mit dir spricht über seinen geliebten Rachmaninow. Und der Alles-und-Nichts-Wissende zeigte uns dann die Mimik des Erstaunens, und zwar so wie sie in einem Lehrbuch der Mimik hätte als Bild gefunden werden können. Der Mund ging ihm ja tatsächlich eine Weile nicht mehr zu.“ „Oh, er wußte von dem Komponisten, den er so bevorzugt spielt, ja nicht mal, daß der hier drei Jahre in Dresden war, von 1906 bis 1909. Ergebnis der günstigen Schaffensbedingungen in Dresden war ja unter anderen das dritte Klavierkonzert d-moll op. 30.“ „Nein, nicht mal das wußte er. Ich habe durch das Gespräch nochmals bestätigt gefunden, daß wir uns nie vor der Verteidigung Stalins drücken  k ö n n e n .“ „Klar, wir  m ü s s e n  Stalin verteidigen, wenn wir für den Kommunismus eintreten.“ „Es ist so: Die kommunistische Revolution ist  n u r  m i t  Stalin möglich.“ 

 

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